Freundeskreis Forchheim

Mitglied der Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe Landesverband Bayern e.V.

 

 

         

Angst und Sucht

Ängste - Rückzug - Flucht

Sorgen, dass dein Mann bei einem Verkehrsunfall um´s Leben kommen könnte,

Angst um deinen Sohn, dass er nach dem Disco-Besuch überfallen werden könnte,

Beunruhigung, dass in der nahen Familie mal ein Pflegefall auftreten könnte,

Bedenken, der Ehemann könnte fremdgehen und die Ehe deswegen auseinanderbrechen,

Gedanken, dass die Tochter auf dem nächtlichen Heimweg vergewaltigt werden könnte,

Befürchtung des Arbeitsplatzverlustes und damit der Familienversorgung,

Schreckvorstellung, von Fremden unvermittelt angesprochen zu werden …

Diese Liste könnte beliebig fortgesetzt werden; es handelt sich um sog. generalisierte Ängste, denen zwar reale Gefahren zugrunde liegen, die aber zu unkontrollierbaren Sorgen und typischen Angst- Symptomen ausufern und den Alltag dominieren können.

Aus der Furcht vor Kontrollverlust entsteht häufig Vermeidungsverhalten, d.h. man zieht sich im eigenen Domizil zurück, um etwaigen Gefahren gar nicht erst zu begegnen. Scham, darüber zu reden, oder Bedenken, die Anerkennung bei anderen zu verlieren, führen dann häufig auch zu sozialer Isolation, man will niemanden mehr persönlich treffen.

Spürt man jedoch über längere Zeit die Beklemmung des Alleinseins, die Unmöglichkeit sich mitzuteilen, die Unabänderlichkeit des Alltagstrotts, die Aussichtslosigkeit für Veränderungen, werden sich depressive Verstimmungen einstellen. Es kann sich das volle Krankheitsbild echter Depressionen entwickeln, wobei man in einen unüberwindbaren Teufelskreis von negativen Emotionen gerät. Der/ die Betreffende kann schließlich kaum mehr aus eigenen Stücken diese Situation überwinden und es wird dann spätestens professionelle Hilfe von außen nötig.

Manche Menschen, insbesondere die mit einer genetischen oder traumatischen Vorbelastung, suchen einen Ausweg aus ihren Depressionen mit Rauschmitteln, die ihre Sinne und unangenehme Empfindungen wenigstens zeitweise vernebeln. Damit beginnt eine Abwärtsspirale, in der weitere Probleme hinzu kommen: eine körperliche und die noch folgenschwerere psychische Abhängigkeit von diesen Rauschmitteln/ Drogen, eine Suchterkrankung. Suchtmittelmissbrauch auf längere Zeit wiederum verstärkt die depressiven Zustände, denn der ohnehin bereits angeschlagene Hirn-Stoffwechsel wird durch die Giftwirkung der Drogen zusätzlich und nachhaltig geschädigt.

Ein süchtiger Mensch steht besonders auf der `sozialen Abschussliste´ und wird es i.d.R. nicht mehr ohne adäquate Entwöhnungstherapie und anschließender Lebensbegleitung (z.B. Sucht-Selbsthilfegruppen) in eine dauerhafte Abstinenz schaffen. Erst dann wird es dem/ der Betreffenden gelingen, den Alltagsanforderungen wieder Stand zu halten, sich ein neues soziales Netzwerk aufzubauen und eine verbesserte Lebensqualität zu gewinnen.

von Irene Braun          Qellen:  Morschitzky, zehn Gesichter der Angst, 2018v

 

Suchtmittelinduzierte Ängste

Hilflosigkeit, Verlust einer gewünschten Sicherheit, zunehmendes Gefühl einer unkontrollierbaren Bedrohung, ungewisse Zukunftsvorstellungen, alltägliche Sorgen usw. können die Lebensqualität von Menschen massiv beeinträchtigen und es kann sich eine mehr oder weniger schwere Angststörung ausprägen. Diese kann ohne soziale, somatische oder psychische Hilfestellung einer sekundären Suchtentwicklung Vorschub leisten.

Durch den Konsum von stimmungsaufhellenden und/ oder sedierenden Medikamenten oder Suchtmitteln können typische Angstsymptome vorübergehend verringert werden, sodass positive Erwartungen an die Suchtstoffe wachsen. Solche inadäquaten Bewältigungsversuche mit missbräuchlich eingesetzten Medikamenten und/ oder Drogen mit Toleranzentwicklung über längere Zeit erzeugen jedoch nachhaltige Veränderungen im Stoffwechsel der Neurotransmitter (Botenstoffe im Gehirn). In der Folge verkümmern eigene Problembewältigungsfertigkeiten (Resilienz) und Krisenresistenz immer mehr, Interesselosigkeit, Schuldgefühle, Versagensängste und Verdrängungsstrategien nehmen zu. Schlimmstenfalls entwickelt sich eine komplexe psychische Mehrfachstörungen: Panikattacken, Depression und Suchterkrankung, eine Psychose und/ oder sonstige schwere Persönlichkeitsstörung bis hin zu suizidalen Verläufen.

Zu den am häufigsten als `Selbsttherapie´ missbrauchten Stoffen zählen Alkohol, Benzodiazepine und/ oder Opiate, sowie verwandte – als eher harmlos geltende - Stoffe, wie z.B. Marihuana. Alle diese Substanzen verfügen jedoch über ein hohes neuropathogenes Potenzial, d.h. es ist eine massive Giftwirkung an Nervenzellen in Körper und Gehirn nachgewiesen. Wie in einem Teufelskreis sorgt die mehr oder minder starke Schädigung der nicht regenerierbaren Nervenzellen wiederum für eine langanhaltende und ggf. zunehmende Verstärkung der ursächlichen Symptome, gegen die sie einzusetzen geplant waren. Dadurch können sich die Lebensumstände eines betroffenen Menschen derartig massiv verschlechtern oder ganz einbrechen, dass der Betreffende sich einer langwierigen, körperlich und psychisch tiefgreifenden Therapie unterziehen muss, die ihrerseits nur bedingte positive Erfolgschancen bieten kann. 

Eine anschließende Entzugstherapie gestaltet sich wegen der sich überlagernden Komorbiditäten (Krankheitsbilder) äußerst diffizil und es ist auch schwierig, dafür qualifizierte Therapeuten, bzw. Therapieorte zu finden. Die manifestierten psychischen Störungen werden in unterschiedlichen Abständen und unerwarteten Ausprägungen auftreten und immer wieder neue, der aktuellen Situation entsprechende therapeutische Maßnahmen erfordern. So kann es sein, dass der Patient für einige Wochen einen Suchtstoff-Entzug durchlaufen muss, während evtl. parallel eine massive Depression einer Behandlung bedarf, dass Panikattacken oder affektive Krisen die ausgewählten Therapiemaßnahmen wieder `auf den Kopf´ stellen, oder dass zusätzlich noch Schutzmaßnahmen getroffen werden müssen, weil der Patient selbstverletzende und/ oder suizidale Vorhaben zeigt.

Alle Patienten, die es geschafft haben, einen solchen Weg zu gehen, berichten dann zwar von einem grundsätzlich positiven Lebensgewinn in Sachen Gesundheit, Psyche, Neuaufbau eines sozialen Umfeldes, Bewältigung der Arbeitswelt usw…. Sie bestätigen aber auch, dass sie weiterhin von gewissen inneren Ängste begleitet werden, mit denen sie (wenn in der Therapie dazu befähigt worden) sehr bewusst umgehen müssen, um sie als legitimen Schutzmechanismus vor weiteren Lebensabstürzen einsetzen zu können.

Von Irene Braun

Quellen: Fachklinik Spielwigge, ReHa-Zentrum Klinik-Warstein